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Amalfiküste Teil 2

Ein Evergreen mal anders

Regen, Regen und nochmals Regen

Ein verregneter Morgen brach an.

Vor dem Fenster hockten die Möwen wie schlecht gelaunte Rentner auf ihren Aussichtspunkten. Kein Wunder – sie waren klitschnass. Wer wäre da nicht schlecht gelaunt.

Mein Wecker wartete brav die letzte Minute ab, und eskalierte als gäbe es kein Morgen.

Ich öffnete die Augen und versuchte fast schon panisch die Nervensäge zum Schweigen zu bringen. Ich starrte an die Decke, deren billiger Styroporstuck im grauen Licht noch trauriger wirkte als sonst. Es war kalt geworden über Nacht. Am liebsten würde ich mich ganz tief unter der Decke verkrümeln.

Aber das war heute nicht drin.

Heute stand der Umzug ins Zelt an.

Bei dem Gedanken an klamme, harte, nasse Nächte im Zelt, war es eine echte Option mich hier und jetzt ans Hostelbett zu ketten.

Es half ja alles nichts.

Wenig später fanden wir uns fertig gepackt vor dem Hostel wieder. Der Weg zum Auto war wie immer in Neapel eine Mutprobe.

In Deutschland bringt man den Kindern, und das völlig zurecht, bei vor dem Überqueren einer Straße immer nach links und rechts- und dann natürlich nochmal nach links zu schauen. Hier waren wir an Tag eins ewig am Straßenrand gestanden, weil niemand eine Lücke ließ. Jede noch so kleine Öffnung wurde sofort gefüllt, egal ob man danach verkeilt im Weg stand oder nicht. Total egal.

Mittlerweile hatten wir uns daran gewöhnt. Wir liefen einfach los. Mitten durch. Augen zu wäre vermutlich nicht mal ein Nachteil gewesen.

Am Auto angekommen warfen wir die Rucksäcke auf die Rückbank. Da waren wir wieder: vorne in unserem kleinen, treuen Begleiter. Dicke Regentropfen prasselten auf die Scheibe, so langsam, dass ich das Gefühl hatte, jeden einzelnen beim Aufplatzen beobachten zu können.

Blich Richtung Sonnenuntergang. Im Hintergrund Berge, Straße. Im Vordergrund Motorhaube.

Ich muss euch zu diesem Urlaub etwas Hintergrundwissen mitgeben. Ihr habt euch bestimmt gefragt: ich bin doch auf einem Campingblog über Minimalismus und Natur. Keines diese Themen wird hier behandelt. Aber bevor ihr Scam! ruft, lest kurz weiter.

Dieser Urlaub ist der Urknall, der Ursprung unseres Freiheitsgefühls.

Wir campen schon sehr viel länger – aber immer aus studentischer Geldnot heraus. Für mich war es oft ein Kompromiss, um überhaupt rauszukommen. Dieses Hostelzimmer in Neapel war ein kleiner Luxus, den wir uns gegönnt hatten. Und genau deshalb war ich jetzt traurig. Ich freute mich nicht auf das Zelt. Ich hatte zwei Nächte lang ein bequemes Bett in einem fremden Land gemietet. Und ich wusste: Einen Pauschalurlaub könnten wir uns niemals leisten. Nicht damals.

Aber so klein wie ich mich in diesem Moment fühlte, so groß und erfüllt würde ich nach Hause fahren. Denn auf uns wartete ein Moment, der unsere Welt neu auswürfeln sollte.

Der Vesuv- ein Erlebnis für sich

Und so machten wir uns dann doch noch auf in Richtung Campingurlaub. Ein letztes Mal durch das Chaos. Ein letztes Durchatmen. Ein letzter Blick auf die Gasse, die inzwischen fast schon heimisch wirkte. Wie schnell man sich in einer fremden Stadt zu Hause fühlen kann.

Unser kleiner BMW heulte leise auf. Ich rangierte eine halbe Ewigkeit aus der Parklücke heraus. Und dann ging es wieder hinein in den neapolitanischen Verkehrswahnsinn. Innerstädtisch ging’s sogar noch – dieses Mal wurde es erst im nächsten Stadtring richtig schlimm.

Wir wollten geradeaus in den Kreisverkehr – leichter gesagt als getan. Vor mir stand ein Eselkarren, daneben eine alte Frau auf einem wahrscheinlich noch älteren Fahrrad. Beide wirkten absolut nicht mehr verkehrstauglich. Hinter uns drängelte ein Kleinwagen so sehr, dass er uns schon leicht an der Stoßstange anschob. Ich war absolut fassungslos.

Als ich im Augenwinkel Martin sah, wusste ich: Ich muss hier allein durch. Mein Copilot hatte soeben ausgecheckt. Martin saß schweißgebadet, mit starrem, angsterfülltem Blick auf dem Beifahrersitz. Seine Atmung war alles andere als entspannt.

Ich malte mir zwei Möglichkeiten aus.

Überlegung eins: Eskalation. In Gedanken sah ich mich schon den Motor abstellen, die Handbremse ziehen und – absolut undeutsch – wild pöbelnd den Autofahrer hinter uns zur Schnecke machend. Gefolgt von einer Androhung der potentiellen Werkstattkosten, falls ich nur einen Kratzer an meinem Auto entdecken sollte.

Möglichkeit zwei: Deeskalation. Ich überhole – wie vom Kleinwagenfahrer freundlichst gefordert – die beiden Verkehrsbehinderungen vor uns und dränge mich wie eine echte Italienerin in den Strudel aus Blech und Gummi.

Ich spanne euch nicht weiter auf die Folter: Ich entschied mich für Möglichkeit zwei. Obwohl mein Herz ganz klar Variante eins bevorzugt hätte. Aber mein nüchterner Geist riet eindeutig zur Deeskalation.

Und wie ein Wunder verschwanden all diese PKWs, Kutschen, Fahrräder, Paarhufer und Zweibeiner so schnell, wie sie aufgetaucht waren. Plötzlich waren wir wieder auf einer für deutsche Verhältnisse einsamen Autobahn. Eine schnurgerade, ordentlich geteerte Straße Richtung Süden.

Das Navi führte uns strikt den Vesuv hinauf. Der Vesuv – ein immer noch aktiver Vulkan, keine neun Kilometer Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt und mit dem Auto in einer guten halben Stunde erreichbar. Man lotste uns auf einen kostenpflichtigen Parkplatz unterhalb der Besuchersammelstelle. Ab hier konnte man entweder bis zum nächsten Kassenbereich laufen oder ein Shuttle nehmen. Für uns kam nur Laufen infrage.

Und so gingen wir eine halbe Stunde bergauf. Vorbei an schwarzem Lavastein und blühender Natur. Neben dem Weg lag ein Blumenmeer aus kleinen lilanen Blüten.

Schon am Parkplatz hatte man uns gesagt, dass wir ein Ticket für die geführte Gruppe bis zum Krater bräuchten – und dass man dieses ausschließlich über die Website des Nationalparks kaufen könne.

Soweit so gut.

Während wir stoisch bergauf gingen, versuchte ich mit einem wackeligen Balken Handyempfang und einer zarten Prise Internet ein Ticket auf dieser völlig verbauten Seite zu ergattern. Die Seite musste ständig neu laden. Nach jedem Auffrischen lud sie wieder vom Seitenanfang aus selbstverständlich auf Italienisch. Wäre mein Handy nicht so teuer gewesen hätte ich es vermutlich in die Botanik gepfeffert.

Das Shuttle überholte uns auf halber Strecke. Die Fahrgäste starrten uns an, als hätte der Reiseleiter gerade aufgesetzt fröhlich den seltenen Anblick eines genervten europäischen Mufflon-Paares angekündigt. Und genau so fühlte ich mich auch. Maulend und motzend stapfte ich stoisch weiter den Hang hinauf. Hätte einer der anderen Touristen die Handykamera gezückt, hätte mich das noch nicht einmal gewundert.

Oben an der Sammelstelle angekommen, hatten wir – oh Wunder – immer noch kein Ticket. Immerhin gab es hier oben ein öffentliches WLAN. Langsam, aber vorhanden. Endlich kam ich über das Personalien-Feld hinaus. Mit einer fast schon siegessicheren Miene drückte ich auf den „Bezahlen“-Button.

Wer jetzt denkt, es folgt ein atmosphärischer Text über den Blick in den Krater, über ein überwältigendes Naturschauspiel, dem kann ich nur sagen: Nö. Wir hatten alle nicht mit den italienischen Nationalparks gerechnet.

Mann mit Bier und Snacks

Als ich versuchte zu bezahlen, wurde meine Mastercard mit einem unbekannten Fehler abgelehnt. Obwohl ich das Limit nicht einmal ansatzweise erreicht hatte. Ich hatte in diesem Monat weniger als fünf Euro mit der Karte bezahlt. Mein Kartenlimit liegt im niedrigen vierstelligen Bereich. Trotzdem: keine Chance. Paypal wurde leider auch nicht angeboten. Nur eine hier gebräuchliche lokale Variante des Onlinekreditinstituts.

Und natürlich – muss ich es überhaupt erwähnen? – gab es keine herkömmliche Ticketkasse.

Völlig genervt hob ich den Blick vom Handy. Um uns herum hatten sich gut vierzig Menschen mit exakt demselben Problem angesammelt. Das Problem war einzig und allein der Website geschuldet. Wenn man sie anklickt, steht nirgends etwas von „Only Online Ticket“. Man bekommt Infos über den Nationalpark, über Umweltschutzprojekte, über die Anfahrt – und sogar Hinweise auf andere Parks. Aber keinen einzigen Hinweis darauf, dass man ohne Online-Ticket nicht weiterkommt.

Und so standen hier nicht nur wir als unvorbereitete Individualtouristen doof da, sondern alle, die nicht mit einem Reisebus angereist waren.

Kurzum: Wir ergatterten an diesem Tag kein Ticket mehr. Etwas enttäuscht traten wir den Rückzug an.

Auf dem Weg zurück zum Auto entdeckten wir trotz unseres Frusts kleine Minikrater, aus denen heiße, nach Schwefel müffelnde Luft kroch. Um diese Krater herum lag eine seltsam weiche Erde – fast wie frischer Hummus. Die schlechte Stimmung begann langsam zu verfliegen. Zum ersten Mal an diesem Tag nahm ich diese surreale Umgebung wirklich wahr.

Außerdem bot sich uns ein atemberaubender Blick auf die mediterrane Millionenmetropole. Irgendwie skurril, wie nah diese Menschen an einem aktiven Vulkan wohnten. In mir stieg bei diesem Gedanken ein beklemmendes „Pompeji“-Gefühl auf.

Zurück im Auto entschieden wir uns zu einem kleinen Frühstück. Wir hatten heute noch nichts gegessen. Auf dem Weg hierher hatten wir gefüllte Croissants gekauft. Damals wusste ich es noch nicht besser: Beim Packen hatte ich mir genau ein langärmliges, schulterbedeckendes Shirt eingepackt. In Weiß.

Jeder ahnt, was jetzt kommt.

Eine Sekunde später saß ich mit mehr Schoko im Gesicht und auf dem weißen Oberteil als im Croissant – angemessen genervt – neben dem Auto. An manchen Tagen wäre man besser im Bett geblieben. So langsam hatte ich die Nase voll.

Aber der Tag sollte noch viel besser werden.

Sorrent- eine mediterrane Schönheit. Oder: Soviel Lärm um nichts

Nach dem Vulkan-Fiasko ging es für uns weiter Richtung Sorrent – die Stadt der Zitronen und Steilküsten. Das Wetter zog sich immer weiter zu, und irgendwann begann es wieder zu regnen. Nach ewigem Stau und Serpentinen, die sich wie ein endloses Band an der Küste entlangschlängelten, tauchte endlich unser Campingplatz am Stadtrand auf.

Wir hatten vor dem Urlaub eine genaue Route geplant, mit jeweils einem Campingplatz pro Stopp. Uns wurde ein wirklich schöner Platz zugewiesen: eine künstliche Terrasse mit freiem Blick aufs Meer. Nur leider fiel immer mehr Wasser vom Himmel. Ein Blick auf die Wettervorhersage sagte uns, dass es vor 21 Uhr nicht aufhören würde.

Also mussten wir unser Zelt im strömenden Regen aufbauen.

Zeltaufbauen konnten wir damals schon ganz gut – aber Packen mit System? Eher nicht. Und so verging eine halbe Ewigkeit, bis wir Matten, Schlafsäcke, Kissen und Lampen mehr oder weniger trocken ins Stoffzuhause gewuchtet hatten. Im Gegensatz zu unserer Ausrüstung waren wir komplett durchnässt und voller Schlamm.

Als ich dachte, der Tag hätte am Vesuv seinen Zenit erreicht, lag ich offensichtlich falsch.

Wir schnappten uns unsere Waschbeutel und stapften auf direktem Weg ins Waschhaus. Unter der wunderbar warmen Dusche hellte sich meine Laune tatsächlich wieder auf. Da stand ich nun: in meinem viel zu kleinen Handtuch, mit triefenden Dreadlocks und nassen Klamotten am Haken der Duschtür.

Als ich auf meine Sachen schaute, traf es mich wie ein Schlag: Ich hatte keine trockene und vor allem keine saubere Kleidung mitgenommen.

Mein Handtuch in der Größe eines Gästehandtuchs bedeckte nicht einmal ein Bein vollständig. Es half ja nichts. Resigniert streifte ich mir meine schlammnassen Sachen wieder über. Dieses unfassbar eklige Gefühl kennt wohl jeder.

Ich legte den Kopf in den Nacken, atmete ein paar Mal tief durch, versuchte die wirren negativen Gedanken zu sortieren – und trat hinaus in den kalten Regen. Mit jedem Schritt vermisste ich Neapel mehr.

Den restlichen Nachmittag verbrachten wir auf einer überdachten Terrasse mit einem viel zu heißen Automatenkaffee in einem labberigen Plastikbecher. Wenn das alles war, was Italien zu bieten hatte – todesheißer bitterer Automatenkaffee und schlechtes Wetter – dann hätte ich auch in den Ruhrpott fahren können. Wäre näher gewesen.

Das hier ist wahrlich kein Pauschalurlaub

Langsam wurde es Zeit, das Abendessen zu richten. Wir hatten – und haben bis heute – keine Campingmöbel dabei. Ich hasse Campingmöbel wie die Pest. Sie sind sperrig, spießig und völlig überflüssig. Der Gedanke, Möbel aus Alu und Vollplastik in eine Landschaft zu schleppen, die seit Jahrmillionen ganz ohne auskommt, ist für mich einfach absurd.

Also saßen wir auf unseren einzigen Isomatten – ja, genau denen, die eigentlich unter die Schlafsäcke gehören – im strömenden Regen vor unserem kleinen einflammigen Kocher.

Die Welt um mich herum versank im Matsch. Wir saßen wie auf einer winzigen Insel auf der Matte und versuchten, das Nudelwasser warm zu bekommen. Es regnete ununterbrochen in den Topf. So wurde das nichts.

Martin begann im Auto nach einer Lösung zu kramen. Ich hingegen verzog mich frustriert ins Zelt. Als ich da so saß und auf das Meer am Horizont blickte, wurde ich immer frustrierter. Das sollte also die unbeschreiblich schöne Amalfiküste sein? Hier sollen Filme gedreht worden sein? Mondän, voller Esprit, duftend nach Zitronen und mediterranem Lifestyle?

Um ehrlich zu sein: Es duftete hier nach gar nichts. Nada. Niente.

Von draußen schallte eine vorsichtige Bitte zu mir hinein: „Könntest du mir kurz etwas halten? Nur wenn du Zeit hast…“

Und so saß ich wieder draußen. Mit einem Regenschirm auf der nassen Matte, die Füße im Schlamm. Nur dass ich jetzt den Schirm über den Topf halten durfte. Super. Die Nudeln durften nicht nass werden – aber dass ich zu drei Vierteln im Regen saß, war offenbar völlig in Ordnung.

Martin ist eben ein Optimist. Ein Mensch, der selbst im letzten Tief noch versucht, einen positiven U-Turn hinzulegen, auch wenn die Tretmühle längst durchdreht.

Stoisch saß ich da und war einfach nur sauer. Auf mich, auf uns, auf die Welt. Wie konnten andere jetzt bequem in einem Sternehotel am Buffet sitzen, während ich mit einem tauben Arm im Schlamm die Nudeln beschützen musste?

Wir kämpfen so hart in unserem Alltag um ein bisschen Raum zum Leben. Und dann ist alles, was an Urlaub und Entspannung für uns drin ist… das hier?

Endlich waren wenigstens diese unendlich dämlichen Nudeln fertig.

Frustriert schob ich mein Abendessen auf meinem Teller hin und her. Jede Faser meines Körpers zog mich zurück ins sonnige, lebendige Neapel. In eine Stadt voller Farben, Bewegung und Geschmack. Stattdessen saß ich nun hier. Wenige Kilometer von Sorrent entfernt.

Martin und ich redeten kein Wort mehr miteinander. Die Stimmung hatte ihren vorläufigen Tiefpunkt erreicht. Ich war sauer und verzweifelt, er wollte die Stimmung retten, wusste aber auch keine Lösung.

Ohne Umschweife brach es aus mir heraus: „Ich habe hier auf diesen gesamten Quatsch absolut keine Lust mehr! Wir fahren heute noch heim! Sag schon mal unserem Kumpel Bescheid, dass er deinen Schlüssel unter die Fußmatte legt. Das ist das absolut letzte Mal, dass ich mich auf so einen Trip eingelassen habe. Und ich hoffe für uns, dass du dich nächsten Urlaub um einen Camper kümmerst!“

Ich kochte vor Wut. Martin unterbrach meine Schimpftirade nur mit einem Oh-diesen-Streit-habe-ich-jetzt-nicht-kommen-sehen-Blick.

„Ich brauche eine Pause“, hörte ich mich sagen. Sekundengleich sah ich Martins entsetzten Blick.

„Nein, nicht so! Ich muss einfach kurz raus. Wir sehen uns später.“

Mit dem Schirm bewaffnet rutschte ich in meinen Flip-Flops durch den Matsch in Richtung Asphaltstraße. Ich ging einige Zeit über den Campingplatz. Einige wenige Camper waren zu Hause. Sie saßen in ihren festen Vorzelten oder gleich in ihren Wohnmobilen. Unsere Zeltwiese war nur von uns bewohnt.

Der Himmel begann sich trotz der schlechten Prognose aufzuhellen. Ich klappte den Schirm zusammen und ging weiter. So weit, bis ich wieder kurz vor unserem Zelt war.

Automatisch blieb ich vor einem Gebüsch stehen.

Mir bot sich ein Anblick, der mich für einen Moment einfach still werden ließ. Hinter dem niedrigen Gebüsch fiel die Klippe abrupt ab, und weit unter uns atmete das Meer gleichmäßig gegen den Fels. Nicht laut, nicht dramatisch – eher wie ein tiefer, ruhiger Pulsschlag.

Im Mittelfeld lag Sorrent in der Abendstimmung. Hell, warm, elegant, als würde die Stadt sich gar nicht erst bemühen müssen, schön zu sein. Sie war es einfach.

Die Regenwolken zogen über die Stadt hinweg. Das gesamte Bild wurde von blau-rosanem Licht in eine ruhige Abendstimmung getaucht.

Es wirkte, als hätte die Natur beschlossen, sich für die letzten Tage bei uns zu entschuldigen – oder uns einfach zeigen zu wollen, dass sie es auch anders kann.

Ich stand eine ganze Weile vor dieser Kulisse, bis Martin wortlos an meiner Seite auftauchte. Die Emotionen waren verflogen. Die Idylle, die sich uns bot, entwaffnete jede noch so tiefe Wut in mir.

Er legte seine Arme um mich. Mein Atem passte sich seinem an. Ruhig, versöhnlich, konstant. Einfach da.

Er fing mich auf in einem Moment voller Erschöpfung und Überforderung. Wir mussten nichts sagen, nichts ausdiskutieren, keine Standpunkte verteidigen, keinen Konsens finden, um uns wieder zu versöhnen. Der Moment war heilend. Meine Seele bekam langsam wieder Luft, und mein Geist schöpfte neue Kraft.

In der folgenden Nacht setzte der Regen wieder ein. Wir mussten noch einmal raus, um das Zelt neu abzuspannen – in der Mitte hatte sich ein Wassersack gebildet. Außerdem lagen wir zu zweit auf einer einzigen verbliebenen Isomatte.

Campen ist die Kunst, aus wenig viel zu machen. Und manchmal gehört es eben dazu, einfach weiterzumachen.

Sonne, Sommer, Eleganz

Der erste Sonnenstrahl kitzelte meine Nase. Eine warme, leicht stickige Luft durchzog das Zelt. Ich hörte in die Welt hinein, bevor ich die Augen öffnete. Bei aller Anstrengung konnte ich keinen Regen mehr hören.

„Ab jetzt wird das Ganze hier gut“, schwor ich mir im Stillen.

Ich weckte meinen Partner neben mir. Leicht grummelig drehte er den Kopf zu mir. Ich gab ihm einen Guten-Morgen-Kuss und verließ ein paar Minuten später angezogen das Zelt.

Ich war allein im Waschhaus. Meine Zahnbürste vibrierte vor sich hin, während ich nichts anderes zu tun hatte, als von der Terrasse aus auf das unter mir liegende Meer zu schauen. In mir machte sich ein Gefühl breit: Das wird unser Tag.

Nach einem Kaffee und einem Marmeladenbrot machten wir uns auf den Weg in die Innenstadt. Der Campingplatz bot glücklicherweise einen bezahlbaren Shuttleservice an. Meine Lust, mich wieder kopfüber in das süditalienische Verkehrschaos zu stürzen, war überschaubar.

In der Stadt angekommen, haute mich die Schönheit und Eleganz dieses Ortes beinahe rücklings aus den Birkenstocks. Ich wusste sofort, dass ich hier definitiv underdressed war.

Vor uns lag eine Stadt, deren Dresscode eher einen großkrempigen Damen-Sonnenhut und ein wadenlanges Sommerkleid gefordert hätte. Das einzig passende Schuhwerk wären tiefe, offene Absatzschuhe gewesen – wahlweise spitz zulaufend.

Vor uns lag eine Stadt, die mit jedem Kalkstein flüsterte: „Hier kostet ein Aperol 18 Euro – und du wirst ihn trotzdem bestellen, weil du es liebst, hier zu sein.“

Fast hätte ich aufs Navi geschaut. Nicht, dass uns der Shuttelfahrer in Monaco abgesetzt hatte.

Bei jedem Schritt wehte mir der Duft von Zitronen, Limoncello und teurem Wein in die Nase. Die Dächer glänzten golden in der Vormittagssonne. Jeder Kiesel strahlte Eleganz und mondäne Leichtigkeit aus. Jede einzelne Bodenplatte schien mehr zu kosten als eine Eigentumswohnung in München.

Und das Verrückte ist: Man verzeiht es ihr. Man verzeiht ihr alles.

Ich war überwältigt von der Schönheit dieser Stadt.

Wir ließen uns einfach treiben. Wir hatten keine Ziele, zu denen wir mussten. Die Gassen führten uns vorbei an Feinkostläden, Souvenirständen und kleinen Kunstgalerien. Ganz automatisch trugen sie uns hinunter zur Küste.

Wir standen auf einer Terrasse, die eher wie ein Balkon in die Klippe gehauen war. Eingefasst wurde sie von einer prunkvollen weißen Barriere aus Kalkstein. Unten vor der Stadt lagen große, teure Privatjachten. Uns bot sich eine Welt, in der Geld keine Rolle zu spielen schien. Eine Welt der Reichen und Schönen Europas.

Wir hatten Hunger bekommen. Und ja, was soll ich sagen: Der Plan war schnell gefasst. Im nächsten Supermarkt einkaufen, zurück zum Campingplatz fahren. Essen gehen war sehr schnell keine Option mehr.

Auf dem Weg gönnten wir uns dann aber doch noch ein Eis. Ein Zitroneneis, selbstverständlich.

Am Zelt angekommen brühte Martin uns einen Kaffee auf. Dazu gab es italienische Desserts, die wir bis dato noch nicht kannten. Die Isomatte war zum Glück schon wieder trocken. Ich legte sie mir in die Sonne und schlief sofort ein.

Es war ein gutes Gefühl. Kein Neid auf Sommerhüte, Yachten oder ein 100-Euro-Mittagessen.

Ich drehte meinen Kopf zu unserem Zelt und dann zu unserem kleinen Einser-BMW. Das Auto mag alt sein, das Zelt unbequem und die Isomatte war eben auch keine Luxusliege. Aber dafür war das alles unseres. Und das begriff ich in diesem Moment.

Ich war glücklich, so wie es war. Das war ich: pragmatisch, unkompliziert und dankbar für das, was wir sind.

Etwas später organisierte ich uns Online-Tickets für den morgigen Etappenstopp in Pompeji. Man weiß ja nie – und das Vesuv-Drama wollte ich nicht zwingend wiederholen.

So, und jetzt? Es war 15 Uhr. Das Wetter war sommerlich warm, und wir hatten Energie zum Bäume ausreißen.

Bei meinem Spaziergang am Vortag hatte ich ein Schild mit der Aufschrift „Beach“ gesehen. Wir waren uns sofort einig, dass man einen solch perfekten Tag nur mit einer ersten Runde im kühlen Salzwasser ausklingen lassen kann.

Und so machten wir uns auf. Wir rumpelten wie die Orks den Schildern nach. Handtücher, Taucherbrillen, der Sonnenschirm, gefolgt von Badekleidung und Schwimmschuhen, baumelten wild umher. Jetzt haben wir noch nicht einmal Kinder – und schleppen trotzdem schon den halben Hausstand mit ans Meer.

Daran müssen wir unbedingt noch arbeiten.

Für einen Campingplatz, der direkt am Meer liegt, waren wir ganz schön unterwegs. Der Weg führte uns kreuz und quer über das Gelände: vorbei an einem Pool, einem großen Spielplatz, einem kleinen Laden und sehr vielen Dauercampern und festen Bungalows. Wir latschten so vor uns hin. Ein kurzes Stück noch durch den Wald – und da waren wir schon. Dachte ich.

Nur noch kurz die paar Stufen runter bis zum Meer. Naja… vielleicht waren es doch ein paar mehr Stufen, wenn ich so darüber nachdenke. De facto sind wir gut und gern eine halbe Stunde nur Treppen gegangen. Mit unserem ganzen Gerümpel in den Händen.

Als wir endlich unten ankamen, wurden wir nicht enttäuscht. Ein felsiges Plateau, ein Steg, Badeleitern direkt ins Meer. Dass hier kein Sandstrand auf uns wartet, war uns völlig klar. Die Amalfiküste ist nicht für ihre Badestrände bekannt.

Nach diesem Marsch hatten wir uns den Ausklang in den Wellen sowas von verdient. Keine fünf Minuten später planschte ich schon im Wasser. Das Meer war kalt, die Sonne warm und der Rhythmus der Wellen wie ein Indie-Rock-Song: liebevoll, sonnig, warm und vor allem harmonisch. Die Wellen trugen uns hin und her. Die Sonne stand tief am Horizont. Die Welt war in ein sanftes, beginnendes Abendrot getaucht.

Manchmal ist einfach alles gut. Ein Herz sammelt solche Momente wie ein Fotoalbum. Sie sind viel zu rar und so unendlich kostbar.

Ausgelassen planschten wir im Wasser. Und es war uns völlig egal, was die anderen von uns hielten. Man ist nie zu alt, um Spaß zu haben.

Eine ganze Weile lagen wir danach auf den aufgeheizten Steinplatten in der Spätnachmittagssonne. Martin las etwas, ich beobachtete einfach nur die Wolken über mir. Doch langsam wurde es frisch. Wir traten die Wanderung zurück an.

Am Zelt packten wir den Kocher wieder aus. Ich muss gestehen: Ich habe vormittags im Supermarkt eine kleine Rebellion angezettelt. Mein Standpunkt: Wenn ich den ganzen Urlaub Nudeln mit Ketchup essen muss – oder noch schlimmer Tütensuppen – werde ich hier und jetzt wahnsinnig. Ich bin wahrlich kein Gourmet, aber alles hat seine Grenzen.

Und so gab es heute Abend Nudeln mit Kräutermarinade, Auberginen-Paprika-Gemüse und Käsewürstchen. Außerdem für Martin einen Dreifuß-Hocker, damit er nicht mehr in der Hocke kochen musste.

Man kann abschließend zur Sorrent-Episode sagen:

Die Wogen hatten sich geglättet.

Der Sturm war überstanden.

Der Kompass stand auf Abenteuer.

Und wir hatten keine Ahnung, dass der kommende Abend uns zeigen würde, wer wir sind – und dass wir nie wieder anders reisen wollen.

Eure Patricia